„Ein bisschen Geld für eine aussterbende Rasse?“

von Nele Sophie Spielberg

Das Rauschen der Züge vermischt sich mit den Unterhaltungen der vielen Menschen am Kölner Dom. „Großgeld, Kleingeld, Smartphones, Bausparverträge; wir nehmen alles!“ Gerötete Finger umklammern eine kleine, bunte Blechbüchse, in der wenige Münzen klappern. Der hochgestylte Irokese von Speedy und die grünen Haare von Campi fallen sofort auf. Meist negativ.

Speedy und Campi sind zwei der circa 5000 Obdachlosen in Köln. Sie sitzen auf einer blauen Isomatte, im Schatten des Doms an eine kahle, kalte Wand gelehnt. Ihr Stammplatz. Jeden Tag sitzen sie dort, werden morgens vom Ordnungsamt geweckt. Ihr stetiger Begleiter: Eine kleine Ratte in der Kapuze. „Für die Ratte brauche ich keinen Käfig, die pack ich in den Schlafsack“, erklärt Speedy und fasst liebevoll in seine Kapuze.

Speedy lebt seit seinem zweiten Lebensjahr auf der Straße, kam nie in Wohnungen zurecht. Er braucht die Freiheit, die sein jetziges Leben bietet. „Wir leben einfach“, erklärt sein Freund und nestelt an dem Verband an seiner linken Hand herum. „Mehr als die meisten anderen.“ Für dieses Leben reicht ein Einkaufswagen, gefüllt mit Schlafsäcken und Isomatten. Speedy lächelt und deutet darauf: „Das ist mein Lamborghini.“

Zwei alte Damen gehen vorbei, die Lippen rot geschminkt. „Wollt ihr mich adoptieren?“, ruft er ihnen zu. „Ich bin pflegeleicht, stubenrein und kann gut mit Tieren.“ Das beweist auch die Reaktion auf die Taube, die über die Treppenstufen hüpft. „Na, Gudrun?“, ruft er ihr zu und schnalzt mit der Zunge. Die Taube dreht ab, genauso wie die Menschen, die an ihnen vorbeigehen. Die Meisten haben nur Ablehnung für die beiden Männer übrig, aber davon lassen sie sich nicht entmutigen, auch wenn es runterzieht. „Es ist einfach nur traurig. Zehn Cent tun doch niemandem weh, oder?“

Obwohl Speedy mehrere Schichten Kleidung trägt, faltet er seine aufgeschürften Hände im Schoß. Seine schwarzen Handschuhe zieht er nur aus, um das Geld zu zählen. Aus der Büchse heraus wandert es in eine leere Taschentuchpackung. „Hier draußen passiert viel Scheiß“, sagt er und nimmt einen tiefen Zug seiner Zigarette, die er von einer jungen Passantin bekommen hat. Sein Blick folgt einem Mann, der an ihnen vorbeigeht. Mit zitternden Fingern stoppt er die Punkrockmusik, die aus dem alten Tastenhandy von Nokia getönt ist. Vorher hatte er mit seiner tiefen Stimme mitgesungen und im Takt mitgewippt. In jungen Jahren wurde seine beste Freundin vor seinen Augen erschossen und das war bei Weitem nicht die einzige Verletzung, die die beiden Punks miterlebt haben. Abwesend streicht Speedys Daumen über den Handrücken. Als das passiert ist, ist er in den Drogenkonsum abgerutscht. Erst sein Freund, Campi, hat es geschafft, ihn durch kalten Entzug von den Rauschmitteln loszulösen. Auch jetzt schafft er es wieder, seinen Blick auf etwas Anderes zu lenken. Mit einem Fingerzeig deutet er auf einen Mann mit Primark-Tüte. Seine Stimme zittert, als er ruft: „Der unterstützt Kinderarbeit!“

Laut den beiden Punks läuft in Deutschland sowieso viel falsch. „Die Gesellschaft ist geldgierig und dabei ist der Mensch egal geworden.“ Wilde Gestiken unterstreichen Campis Echauffierungen über den deutschen Staat und die ganze Menschheit, bevor seine Finger das lederne Portemonnaie finden, es hin und her wenden. „Warum kann die Menschheit nicht einfach Frieden schließen?“, sagt er. „Wenn du auf der Straße lebst, siehst du die normalen Dinge mit anderen Augen. Du siehst die Wahrheit.“

Währenddessen wippen seine grünen Locken hin und her, auch die Karabinerhaken in seinen Ohren wackeln. Punks wollen anders sein. Sie wollen zeigen, dass sie sich von den Anderen abheben, Schutz ist es auch. Auf der Straße ist es besser, gefährlich auszusehen – auch, wenn man es eigentlich gar nicht ist.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s