Straßenmalerei – meine Freiheit

von Jil Ise

„Ich war verheiratet, dann hat man sich gebremst“, sagt Ralf, er sitzt mit überschlagenden Beinen auf dem Boden der Kölner Domplatte. Er hat tiefe Falten unter seinen kleinen Augen. Seine Hände verfolgen monoton die gleiche Bewegung, in der linken Hand hält er die Kreide, drückt sie  auf die Steine der Kölner Domplatte auf welchen er sitzt, seine Adern stechen deutlich aus der Hand heraus.

Er bewegt die Hand hoch, runter und wieder hoch, legt die Kreide ab, geht mit der Handkante über das Gemalte hoch, runter und wieder hoch. Nimmt erneut die Kreide in die linke Hand und wiederholt seine Bewegung. „Mama, ich will auch was malen“, sagt ein kleines Mädchen neben ihm. Sein Kopf hebt sich, die  Mundwinkel gehen hoch, seine kleinen Augen werden größer. Das kleine Mädchen betrachtet den auf das Pflaster gemalten Mann, mit seinen langen Haaren und Bart, welcher einen Pelzmantel trägt.

Ralf ist 57 Jahre alt und arbeitet seit über 30 Jahren als Straßenkünstler. Er veränderte sein Leben wegen einer Frau. Er hörte auf, als Straßenmaler zu arbeiten, passte sich ihren Erwartungen an, suchte einen Job in seinem gelehrten Beruf, als Steinmetz. Dies gestaltete sich jedoch schwierig, wodurch er noch auf Mechatronik umschulte. Weder als Steinmetz, noch als Mechatroniker war es ihm jedoch möglich einen Job zu finden, der ihm Freiheit bot. Er verliebte sich, schränkte sich ein.

„Ich habe umgeschult zum Mechatroniker, aber ich war damit nicht glücklich“, erklärt Ralf „Mir fehlt die Freiheit, mir fehlt die Selbstbestimmung“. Seine Augen sind weit geöffnet, glasig, sein Blick geht ins . Im Hintergrund sind Schritte zu hören, man hört Koffer, die vorbei gezogen werden. Er umklammert mit seiner rechten Hand sein rechtes, angewinkeltes Bein während er sagt: „Man hat ja nur gewisse Zeit, nutze die Zeit. Man kann aus dem Leben doch wirklich was tun, man hat doch die Freiheit.“

Nach der Trennung zu seiner Frau, durch welche er sich der Freiheit beraubt fühlte, ist Ralf wieder auf die Straßen gegangen, um zu malen, seine Motive wählt er spontan, abhängig von den Leuten, abhängig vom Ort.

Er wechselt die Farbe der Kreide, drückt diese auf die Platten, bewegt seine Hand hoch, runter und wieder hoch. „Es ist die Freiheit“, sagt er „die Malerei ist mein Schlüssel dazu. Das war so in den 70er Jahren, das war der Zeitgeist“. Seine grünen Augen strahlen, seine Mundwinkel verschwinden unter seinem Schnäuzer, er stoppt das Malen. „Bewegung ist das Leben, andere sind im Leben begraben. Freiheit, das ist wie die Kirmes man muss reisen.“, betont er. Kinder lachen, Musik ist zu hören. Er hebt seinen Kopf, bewegt ihn von rechts nach links. „Man muss unter Leute, hier trifft sich die Welt“, sein Lächeln wird stärker, seine Mundwinkel gehen weiter nach oben, es bilden sich Grübchen in seinen Wangen.

Ralf hat eine Wohnung in Bremen, er malt regelmäßig auf verschiedensten Straßen, Köln ist nur eine von vielen, er wechselt die Orte und übernachtet dort im Auto. Er finanziert sich seinen Lebensunterhalt und seine Krankenkasse durch die Kunst, durch die Malerei. Ralf hat eine Reisegewerbekarte, welche ihm erlaubt gemalte Bilder zu verkaufen. Er verbringt seine Sommer meist an der Ostsee und fertigt Portraits von Passanten an.

Ralf steht auf, er humpelt, er wechselt die Seite von welcher er sein Bild malt  und lässt sich nun rechts vom Bild wieder auf den Boden sinken. Er zieht beide Beine wieder an, umschließt sein rechtes Bein mit seiner rechten Hand und malt mit links weiter. Sein Blick ist fokussiert auf sein Motiv, er beißt sich auf seine Unterlippe, schluckt laut.

Es sammeln sich viele Menschen um sein Bild, er guckt nur auf sein Bild. In der Luft wabert der Geruch von Pizza, es ist laute Musik von einer jungen Gruppe jugendlicher zu hören, viele Leute betrachten die große Darstellung des in warmen Farben dargestellten Mannes. „Was der malen kann“, hört man erneut das kleine Mädchen sagen. Sie hat große, strahlende Augen und zieht mit ihren kleinen Händen am hell braunen Trenchcoat ihres Opas. Ralf hebt seinen Kopf und öffnet die Augen sichtlich weiter, er erkennt das Mädchen wieder. Der Opa zeigt ihr das Körbchen und weist sie darauf hin, dass sie ihm das gegebene Geld darein legen solle. Ihre Mundwinkel ziehen sich weiter hoch, ihre Augen funkeln und sie macht einen Schritt auf die aus Korb geflochtene Schale zu und wirft das Geld hinein. Ralf bedankt sich mit Grübchen im Gesicht beim kleinen Mädchen. „Bilder leben immer weiter“, sagt er zu ihr, „Tod ist nur wer vergessen wird“.

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